Die Elektro Brunner AG in Winterthur hat zwei neue Mitarbeiter eingestellt. Sie sprechen kein Wort, machen keine Rauchpause und setzen die hundertste Steckdose genauso sauber wie die erste. Ein Besuch auf einer Winterthurer Baustelle, wo die zwei humanoiden Robotern des Typs NX-82 des chinesischen Herstellers Shenzhen Dynamics im Einsatz stehen.
Redaktionelle Bearbeitung: eTrends
Der NX-82 steht in einer Rohbau-Wohnung im dritten Stock, dreht den Oberkörper um 47 Grad nach links und setzt eine Steckdose in die vorgestanzte Öffnung. Präzise, ruhig, ohne einen Blick auf das Resultat. Einen Blick hat er nicht, dafür acht Lidar-Sensoren und zwei Stereokameras im Kopfsegment, die den Raum in Echtzeit als 3D-Modell erfassen. Was der NX-82 sieht, ist kein Bild. Es ist ein Datensatz mit Toleranzwerten.
Thomas Brunner, Geschäftsführer der Elektro Brunner AG in Winterthur, steht zwei Meter daneben und beobachtet den Vorgang mit der Gelassenheit eines Mannes, der diese Szene schon hundertmal gesehen hat. «Die ersten zwei Wochen war ich jedes Mal hier, wenn der NX-82 eine Dose gesetzt hat», sagt er. «Inzwischen schaue ich nur noch vorbei, wenn er etwas Neues macht. Steckdosen kann er.»
Roboter montieren Unterputz-Steckdosen
Die Elektro Brunner AG ist nach eigenen Angaben das erste Schweizer Elektrounternehmen, das humanoide Roboter auf Baustellen einsetzt. Seit November 2025 arbeiten zwei NX-82 des chinesischen Herstellers Shenzhen Dynamics auf einer Überbauung mit 36 Wohneinheiten in Winterthur-Seen. Die Roboter montieren Unterputz-Steckdosen und -schalter, ziehen NYM-Leitungen durch vorbereitete Leerrohre und verschrauben Abzweigdosen. Arbeiten, die repetitiv sind, körperlich belasten und für die Brunner kaum noch Personal findet.
«Ich habe drei Jahre lang Elektroinstallateure gesucht», sagt Brunner. «Zwei haben sich beworben. Einer ist nach vier Monaten wieder gegangen.» Der Fachkräftemangel in der Elektrobranche sei kein abstraktes Problem, sondern sein Alltag. Projekte verzögerten sich, Subunternehmer würden teurer, die Qualität leide. «Irgendwann habe ich aufgehört, auf Bewerbungen zu warten, und angefangen, nach Alternativen zu suchen.»
Zusammenarbeit sei nur zu Beginn seltsam gewesen
Die Alternative wiegt 78 Kilogramm, misst 1,72 Meter und bewegt sich auf zwei Beinen mit einer Geschwindigkeit von maximal 1,2 Metern pro Sekunde über die Baustelle. Der NX-82 verfügt über 36 Freiheitsgrade in den Gelenken, davon 14 in den beiden Armen und je fünf in jeder Hand. Die Finger greifen mit einer Kraft von bis zu 45 Newton, genug für eine Kombizange, zu wenig für ein Brecheisen. Der Akku liefert Energie für rund sechs Stunden Dauerbetrieb, danach muss der NX-82 an die Ladestation, die Shenzhen Dynamics als Docking-Unit mitliefert. Ladezeit: 90 Minuten.
Marco Steiner, Elektroplaner und Bauleiter bei der Elektro Brunner AG, arbeitet seit dem ersten Tag mit den Robotern. «Am Anfang war es seltsam», sagt er. «Man redet automatisch mit ihm, obwohl man weiss, dass er nicht antwortet.» Inzwischen hat sich Steiner daran gewöhnt. Was ihn überzeugt, ist die Konstanz. «Der NX-82 setzt die hundertste Dose genauso sauber wie die erste. Um 7 Uhr morgens und um 16 Uhr nachmittags. Kein Unterschied.»
«Der Roboter macht keinen Pfusch»
Gesteuert werden die Roboter über eine Tablet-Applikation, auf der Steiner die Installationspläne hochlädt. Der NX-82 gleicht die Pläne mit seinem 3D-Scan des Raums ab, berechnet die optimale Reihenfolge der Arbeitsschritte und beginnt. Trifft er auf eine Abweichung zwischen Plan und Realität, etwa ein versetztes Leerrohr oder eine Wand, die nicht im richtigen Winkel steht, stoppt er und meldet die Differenz. «Dann muss ich entscheiden», sagt Steiner. «Der Roboter macht keinen Pfusch. Er wartet lieber.»
Was Steiner besonders schätzt: Der NX-82 hat keine Stimmungsschwankungen. «Auf einer Baustelle gibt es Tage, da läuft nichts. Material fehlt, der Gipser hat nicht fertig, irgendwas stimmt mit der Planung nicht. Ich werde dann manchmal grantig. Der NX-82 nicht.» Er lacht. «Und er erzählt mir auch nicht zum dritten Mal denselben Witz.»
Gesetz ist Gesetz: Leider dürfen Roboter nicht rund um die Uhr arbeiten
Brunner hat für die beiden NX-82 nach eigenen Angaben insgesamt rund 280'000 Franken investiert, inklusive Software-Lizenzen und Schulung. Die Roboter arbeiten derzeit zwei Schichten à sechs Stunden mit Ladepause dazwischen. Theoretisch könnten sie rund um die Uhr laufen. «Die Roboter wären bereit», sagt Brunner. «Aber das Bauarbeitengesetz erlaubt Arbeiten auf Wohnbaustellen nur zwischen 7 und 19 Uhr. Also zwölf Stunden, abzüglich Ladepausen sind es effektiv etwa zehn.» Er schüttelt den Kopf. «Die Roboter könnten deutlich mehr. Aber das Gesetz ist das Gesetz.»
Ob die Roboter Arbeitsplätze vernichten? Brunner verneint. «Ich ersetze keine Mitarbeiter. Ich ersetze Mitarbeiter, die es nicht gibt.» Seine fünf Elektriker seien für die anspruchsvolleren Arbeiten zuständig: Schaltschrankverdrahtung, Inbetriebnahmen, Fehlersuche. Die Roboter übernähmen die Routinearbeiten. «Meine Leute machen jetzt das, wofür sie ausgebildet sind. Und der NX-82 übernimmt die restlichen Arbeiten.»
Für das kommende Jahr plant Brunner, zwei weitere NX-82 zu beschaffen. Shenzhen Dynamics hat für das dritte Quartal 2026 ein Software-Update angekündigt, das den Robotern das Verlegen von Kabelkanälen ermöglichen soll. «Wenn das funktioniert», sagt Brunner, «bestelle ich sofort.»
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Text: Redaktion eTrends
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