Wenn der
Dorfstromer
«herumstromert»

Kurt Meier hat den Fuhrpark seiner meierelektro in mehr als einem Jahrzehnt auf Elektrofahrzeuge umgestellt. Weil es sich rechnet. Und weil ein «Stromer» einfach zu einem Dorfstromer gehört.


TEXT: Bruno Habegger, FOTOS: Michael Donadel


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732 Einwohner: Bettwil, die höchstgelegene Gemeinde im Kanton Aargau über dem Hallwilersee im Grenzgebiet zu Luzern, lässt sich wohl kaum mit «pulsierend» beschreiben: Es gibt hier einen neuen Dorfladen, einen traditionellen Hofladen, eine Fahrschule, Bed and Breakfast, etwas Kosmetik – und mitten im Dorf einen Elektriker, der sich mit der Beschaulichkeit des Dorfelektriker-Lebens nie zufriedengegeben hat.

1979 begannen Kurt Meier sen. und seine Frau Helen in der alten Käserei. Nach der Übernahme durch Kurt Meier jun. im Jahr 2012 und Wachstum im Automationsbereich wurde sie aber bald einmal zu klein für die Ambitionen der Gründerfamilie. Nach und nach vergrösserte sich das Unternehmen mit der Übernahme von weiteren «Dorfelektrikern» in der Umgebung. Es ist heute mit fast 100 Mitarbeitenden und 23 Lehrpersonen an vier Standorten gut aufgestellt für die Elektrifizierung der Schweiz, die mit der Energiestrategie des Bundes für eine CO2-neutrale Schweiz einhergeht. In seinem Kopf pulsiert es unablässig. Kurt Meiers Augen leuchten, wenn er über Elektrizität, Innovationen und die Energiewende spricht. Seine Faszination für Strom widerspiegelt sich im vielfältigen Serviceportfolio von IP-Telefonie, Smart-Home-Automation sowie Batteriespeichern, Solaranlagen und Ladestationen – und natürlich gehören auch Beleuchtungen, Haushaltgeräte und Reparaturen dazu, der klassische Dorfelektriker-Service eben, die Wurzel des Geschäfts.

Immer einstecken beim Parken: Die Mitarbeitenden von meierelektro mit einem neuen Automatismus.

Weit überlegene E-Auto-Technik

Am stärksten wird seine Leidenschaft sichtbar, wenn man die Umgebung des Hauptsitzes in Bettwil betrachtet. Jeder Parkplatz ist mit einer Ladestation ausgerüstet, jedes zurückkehrende Teammitglied steckt sein Gefährt umgehend daran an. Der Fuhrpark von meierelektro hat sich seit 2015 Schritt für Schritt in einen «Stromerpark» transformiert. Sechzig Fahrzeuge sind es heute, quer durch die ganze Autobranche, Personenwagen und Nutzfahrzeuge. Die erste Anschaffung 2015 war ein VW e-Up, die jüngste ein Peugeot e-Partner Kaw 800 und ein Renault Mobile Duo. Kaum jemand kann die Entwicklung der Elektromobilität so gut beurteilen wie Kurt Meier. Seit 2018 fährt er mit dem E-Auto in die Toscana und findet seither immer mehr Schnellladestationen unterwegs.

Meiers Fazit heute: «Die Technik ist dem Verbrenner heute weit überlegen.» Und sie rechnet sich, erst recht in Zeiten steigender Benzinpreise und dank den Solaranlagen auf den Dächern am Hauptsitz und in den Niederlassungen. Ausserdem speichert das Unternehmen den gewonnenen Strom in einem Second-Life-Batteriespeicher, um ihn nach Bedarf wieder abzurufen. So ergeben sich geschätzte Einsparungen über das ganze Jahr von mehreren zehntausend Franken, und trotz stetig steigender Zahl von E-Autos im Betrieb sinkt der Fahrzeugaufwand sogar. Ins Gewicht fallen neben den Benzinkosten auch die stark reduzierten Wartungskosten. Die Anschaffungskosten spielen in Kurt Meiers Überlegungen deshalb kaum eine Rolle mehr, denn aus mehr als zehn Jahren praktischer Erfahrung weiss er: «Stromer sind im Betrieb wesentlich günstiger als Benziner.»

Die Mitarbeitenden haben sich auch die Reichweitenangst abgewöhnt. Sie hängen ihr Auto nach der Rückkehr routiniert an die Ladestation. Servicemonteur Fabian Winkler bestätigt es: «Ich mache mir darüber keine Gedanken mehr», sagt er, «ich erreiche jede Baustelle.» Selbst mit dem schwer beladenen Auto, auch im Winter, wenn die Reichweite aus physikalischen Gründen sinkt. Was Winkler ebenfalls überzeugt: «Ich habe mir einen neuen Fahrstil mit weniger Bremsen angewöhnt.»

Hier tankt der Chef. Wie Kurt Meier (Bild) denkt niemand übers Aufladen nach. Sie tun es einfach.

«Ich glaube an die Technologie mit der Elektrifizierung als Basis – und gebe Vollgas in diesem Geschäft.»
Kurt Meier, Inhaber meierelektro ag

Mit Vollgas in die Zukunft

Kurt Meier denkt bereits weiter. Dass sich die Elektromobilität definitiv durchsetzt, ist für ihn klar, auch wenn sie in der letzten Zeit einen Durchhänger gehabt hat. Als Stromer zwischen Hauptsitz und Baustellen herumstromern, das ist für ihn sozusagen ein Stück Glaubwürdigkeit, aber auch eine Investition in die Zukunft. Aus dem angesammelten Know-how wird vielleicht dereinst ein neuer Geschäftszweig, eventuell sogar in Zusammenarbeit mit Garagisten. Einen mobilen Schnelllader entwarf das Unternehmen für eine Messe bereits, «vielleicht geht der mal in Serie.» Sein Engagement hat für Meier aber noch einen ganz anderen Grund: Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter erhält einen eigenen Firmenwagen. Ein attraktives Angebot für die gesuchten Fachkräfte, die den Stromer auch privat nutzen dürfen – Mitarbeiterbindung per Ladestation und Lenkrad.

Der Innovationspark der Firma (siehe Kasten) ist aber auch eine Art Labor für die künftige Weiterentwicklung des ehemaligen Dorfstromers. Eine Innovation der Branche hat Kurt Meier längst intensiv getestet: bidirektionales Laden. Mit guten Erfahrungen, doch weil klassische Batteriespeicher immer günstiger werden, «könnte dies eine Nische bleiben» – eine Nische im wiederaufflammenden Boom der Elektromobilität. «Sie wird noch viele Innovationen hervorbringen, etwa in der Batterietechnik», sagt er, doch insgesamt ist ihm das Tempo der Energiewende zu langsam. Sein Credo ist klar: «Ich glaube an die Technologie mit der Elektrifizierung als Basis – und gebe Vollgas in diesem Geschäft.» Er schmunzelt über die etwas schiefe Metapher und verabschiedet sich von Redaktor und Fotograf, während sich die Parkplätze ums Haus zum nahen Feierabend langsam füllen und die E-Autos wie an der Nabelschnur der Energiewende hängen.

Ein Steckenpferd von Kurt Meier. Eine riesige Batterie aus gebrauchten Pöstler-Töfflis.

Über meierelektro ag

Der «Dorfelektriker» mit Hauptsitz in Bettwil AG und drei Aussenstandorten in der weiteren Region ist in den Bereichen Automation, Smart Home, Speicher, Ladestationen, Digitaltelefonie und Sonnenenergie tätig – und natürlich erbringt er die klassischen Elektriker-Dienstleistungen. Das 1979 gegründete Unternehmen wird in zweiter Generation geführt. Es bildet 23 Lernende aus und beschäftigt fast 100 Mitarbeitende.

Der Innovationspark

Batteriespeicher im Keller Meierhaus: 393,2 kWh Kapazität aus Second-Life-Batterien (Eigenverbrauchs- und Spitzenlastoptimierung, Regelenergievermarktung via Swissgrid)

Ladestationen: AC, 22 kW (36 Stück), je ein DC-Schnelllader mit 50 kW und einer mit 25 kW.

60 E-Fahrzeuge: PWs und Nutzfahrzeuge der Marken BMW, BYD, Cupra, Honda, Hyundai, IVECO, Maxus, Nissan, Opel, Peugeot, Renault, Skoda, Volvo und VW.

Photovoltaik: 95 kWp (92 000 kWh) am Standort Bettwil und 81 kWp (83 500 kWh) am Standort Samenstorf

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