Nachhaltigkeit hält auch in der Elektrobranche Einzug. Das EcoVadis-Label ist vielen bereits begegnet. Doch was bedeutet es konkret? Ein kurzer Überblick.
Autor: Nicola Senn
Die Medaille von EcoVadis taucht zunehmend auf Webseiten, in Social-Media-Beiträgen oder in Pressemitteilungen von Unternehmen auf. Für viele Unternehmen scheint sie einen hohen Stellenwert zu haben. Doch was bedeutet dieses Nachhaltigkeitsrating – und was leisten Unternehmen, um es zu erhalten?
Sichtbar machen
Nachhaltigkeit ist inzwischen fester Strategie-Bestandteil der meisten Unternehmen. Wie nachhaltig ein Unternehmen tatsächlich ist, lässt sich von Aussenstehenden allerdings oft nur schwer feststellen. Nachhaltigkeitslabel und -ratings sollen Abhilfe schaffen und bei Kaufentscheidungen Orientierung zum sozialen und ökologischen Verhalten der Unternehmen bieten. «ESG Ratings sind essenziell, weil sie Informationskosten reduzieren: Sie übersetzen eine Vielzahl von teilweise komplexen Datenpunkten in eine leicht verständliche Bewertung. Dies ist für viele Marktteilnehmer nützlich», erklärt Prof. Dr. Julian Kölbel, Assistenzprofessor für Sustainable Finance an der Universität St.Gallen.
Positiver Effekt
Solche Ratings und Zertifizierungen können nicht nur für Endkonsumenten, sondern auch für B2B-Kunden einen relevanten Einfluss auf die Wahl des Produkts haben. Dies belegen Studien, denen zufolge Nachhaltigkeitslabel einen positiven Effekt auf die Wahrnehmung und Kaufabsichten von Konsumierenden haben¹. Demnach kaufen diese eher gekennzeichnete als nicht gekennzeichnete Produkte. Auch auf die Zahlungsbereitschaft (Willingness to Pay) sollen Nachhaltigkeitslabel einen positiven Einfluss haben.
Was ist EcoVadis?
Die EcoVadis-Medaille ist eines der inzwischen wohl bekanntesten Nachhaltigkeitsratings für Unternehmen. Mit weltweit über 150 000 bewerteten Unternehmen in über 185 Ländern und mehr als 250 Branchen zählt sie zu den bekanntesten ihrer Sorte.
Das Eco-Vadis-Rating ist ein Bewertungssystem, mit dem die teilnehmenden Unternehmen in den vier Bereichen Umwelt, Arbeits- und Menschenrechte, Ethik sowie nachhaltige Beschaffung bewertet werden. Je nach erzieltem Score erhält das Unternehmen eine der global anerkannten Eco-Vadis-Medaillen in Bronze, Silber, Gold oder Platin. So kann sich das Unternehmen mit dem Benchmark der eigenen Branche vergleichen. Je nach Anzahl der Mitarbeitenden kommuniziert EcoVadis auf ihrer Webseite unterschiedliche Preismodelle. Bei mittelgrossen Unternehmen der Kategorie «M» (100–999 Mitarbeitende) liegen die Kosten je nach Abonnement zwischen 1179 und 5449 Euro pro Jahr.
So bewertet EcoVadis
Zur Bewertung der Nachhaltigkeitsleistung eines Unternehmens beurteilt EcoVadis dessen nicht-finanzielle Managementsysteme. Die vier Bereiche Umwelt, Arbeits- und Menschenrechte, Ethik sowie nachhaltige Beschaffung werden abhängig von der Branche, Grösse und Standort des Unternehmens unterschiedlich gewichtet. EcoVadis gliedert die vier Bereiche in 21 Nachhaltigkeitskriterien, die auf international anerkannten Nachhaltigkeitsstandards (z. B. UN Global Compact oder Global Reporting Initiative) basieren. Die Unternehmen erhalten einen darauf basierenden massgeschneiderten Fragebogen, den sie auszufüllen haben. Die gemachten Angaben müssen mit Dokumenten belegt werden, die auf die Plattform hochgeladen werden.
Ein KI-basierter Bewertungsalgorithmus klassifiziert die eingereichten Dokumente automatisch und prüft sie auf Aktualität, Gültigkeit und thematische Übereinstimmung. EcoVadis-Expert:innen validieren die Dokumente danach abschliessend und setzen ein Scoring zwischen 0 und 100 Punkten für jeden der vier Bereiche fest.
Dokumente, die für EcoVadis benötigt werden könnten:
- Umweltpolitik / ESG Policy
- Code of Conduct (intern & für Lieferanten)
- Energie- / CO2-Bericht oder Umweltkennzahlen
- Arbeitsschutzrichtlinien
- Gleichstellungsrichtlinie
- Compliance- / Anti-Korruptionsrichtlinie
- CSR- oder Nachhaltigkeitsbericht
- Auditberichte (z. B. ISO 14001, ISO 45001 etc.)
So profitieren Unternehmen von EcoVadis
Die Teilnahme an EcoVadis kann für KMU oder Grossunternehmen in vielerlei Hinsicht eine Chance sein. Der erzielte Score spiegelt die Qualität des Nachhaltigkeits-Managementsystems eines Unternehmens zum Zeitpunkt der Bewertung wider. Die Unternehmen können das Rating kontinuierlich nutzen, um die Bereiche zu ermitteln, in denen es Anlass zur Verbesserung der Nachhaltigkeitspraktiken gibt. Darüber hinaus dient die EcoVadis-Bewertung als Massstab für den Vergleich mit anderen Branchenteilnehmern. Das kann für Unternehmen interessant sein, die sich in einem wettbewerbsintensiven Markt differenzieren möchten. «Grundsätzlich ist es von Vorteil, wenn man die eigenen Nachhaltigkeitsbemühungen mit einem externen Zertifikat ausweisen kann. Das ist glaubwürdiger und kann ein Argument im Verkaufsprozess sein», so Prof. Dr. Kölbel. Einige Auftraggeber setzen inzwischen ein Rating voraus, um an Ausschreibungen teilnehmen zu können. Ein gutes Rating kann also generell dazu beitragen, die Attraktivität gegenüber Handelspartnern zu steigern. Immer mehr Unternehmen sind schliesslich bemüht, ihren Fussabdruck in der Lieferkette zu reduzieren. Auch auf Bereiche wie das Employer Branding oder die Reputation des Unternehmens kann sich das Rating positiv auswirken.
«ESG-Ratings sind essenziell, weil sie Informationskosten reduzieren: Sie übersetzen eine Vielzahl von teilweise komplexen Datenpunkten in eine leicht verständliche Bewertung.»
Prof. Dr. Julian Kölbel, Assistenzprofessor für Sustainable Finance an der Universität St.Gallen
Wie aussagekräftig ist die Medaille?
Es gilt allerdings auch, die Limitationen zu berücksichtigen. Da das Assessment ausschliesslich auf den eingereichten Dokumenten basiert, haben Unternehmen mit einer ausgeprägten Dokumentationsstrategie einen klaren Vorteil. «Eine gute Datenlage ist sehr wertvoll, um qualifizierte Entscheidungen zu treffen. Gute Datenlage heisst jedoch nicht, möglichst viele Daten zu sammeln, sondern erfordert eine Priorisierung nach Relevanz.
Das Sammeln und Verarbeiten von Daten darf nicht zu einem Selbstzweck werden. Besonders vor dem Hintergrund zunehmender Digitalisierung und dem Einsatz von KI ist darauf zu achten, dass sich Nachhaltigkeitsmanager:innen nicht mehr mit der Dokumentation befassen als mit Projekten, die substanzielle Umwelt- und Sozialverbesserungen erzielen», warnt Prof. Dr. Stefan Schaltegger, Professor für Nachhaltigkeitsmanagement an der Leuphana Universität Lüneburg. «Das sollte sowohl bei Regulierungen als auch bei Guidelines bedacht werden: Was trägt tatsächlich zu substanziellen Verbesserungen bei?» Für Unternehmen mit weniger ausgeprägter Dokumentationskultur kann die Teilnahme an solchen Zertifizierungen einen grossen Aufwand bedeuten. Dies dürfte besonders bei kleineren Unternehmen der Fall sein.
«Dokumente sind Spiegel der Realität, aber können sie nie gesamthaft abbilden. Sie zeigen auch, wie die Unternehmen sich selbst sehen und gesehen werden möchten. Trotz aller Standardisierung von Unternehmensberichten besteht immer ein Spielraum, was und wie etwas dargestellt wird. Deshalb sollten auch externe Audits ein Teil der Berichterstattung sein.»
Prof. Dr. Stefan Schaltegger, Professor für Nachhaltigkeitsmanagement an der Leuphana Universität Lüneburg
Qualität und Richtigkeit
Kritisch zu hinterfragen ist auch die Genauigkeit der von den Unternehmen gemachten Angaben. Da die Bewertung ausschliesslich auf Basis der eingereichten Dokumente vergeben wird, kann EcoVadis die Qualität und Richtigkeit der gemachten Angaben nicht vollständig verifizieren. Audits bei den Unternehmen finden nicht statt. So sieht das Prof. Dr. Schaltegger: «Dokumente sind Spiegel der Realität, aber können sie nie gesamthaft abbilden. Sie zeigen auch, wie die Unternehmen sich selbst sehen und gesehen werden möchten. Trotz aller Standardisierung von Unternehmensberichten (Finanzberichten, Nachhaltigkeitsberichten usw.) besteht immer ein Spielraum, was und wie etwas dargestellt wird. Deshalb sollten auch externe Audits ein Teil des Berichtserstattungssystems sein.» Dass eingereichte Dokumente der teilnehmenden Firmen Fehler aufweisen und dadurch das Rating beeinflussen, kann also nicht ganz ausgeschlossen werden.
Ein Werkzeug, das Struktur schafft Nachhaltigkeitsratings wie EcoVadis gewinnen zunehmend an Bedeutung – im Wettbewerb, als Orientierung für Kundinnen und Kunden, aber auch zur Steuerung der Nachhaltigkeitsstrategie können sie Unternehmen voranbringen. Der Nutzen geht dabei über die Aussendarstellung hinaus. Die Aussagekraft der Medaille hängt allerdings stark von der Qualität der Dokumentation eines Unternehmens ab. Eine kritische Beobachtung bleibt daher erforderlich.
Um es mit den Worten von Prof. Dr. Stefan Schaltegger zu sagen: «Ratings können helfen, Aufmerksamkeit für Nachhaltigkeit zu schaffen und Entscheidungen zu unterstützen. Doch entscheidend ist, dass sie nicht zur bürokratischen Pflichtübung und zum Selbstzweck werden, sondern dass Datensammlung und Informationsmanagement entscheidungsunterstützend aufgebaut sind und echte Verbesserungen anstossen. » EcoVadis kann also durchaus als nützliches Werkzeug verstanden werden. Ein Werkzeug, das Struktur ins Nachhaltigkeitsmanagement bringt und somit eine Grundlage für die nachhaltige Transformation von Unternehmen bildet.
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Autor: Nicola Senn
Grafiken/Bilder: zVg
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