Claudio Hartmann spricht über neue Perspektiven, strategische Weichenstellungen und die Rolle der SLG in einer Branche, in der Licht längst mehr ist als nur Technik.
Autor: René Senn, Fotos: Michael Donadel
Seit dem 1. Juli 2025 leitet Claudio Hartmann die Schweizer Licht Gesellschaft (SLG) als Geschäftsführer. Seine Mission: Licht nicht nur als Technologie, sondern als Gestaltungselement, als Wirkungsträger und als gesellschaftliche Verantwortung im Hinblick auf die Nachhaltigkeit zu positionieren. Wir haben mit ihm über aktuelle Herausforderungen gesprochen, die von der Förderpolitik über die Rolle der Elektrobranche bis hin zur Nachwuchsförderung reichen.
Claudio, du bist seit Kurzem Geschäftsführer der SLG – was hat dich an dieser Aufgabe gereizt?
Das Thema Licht fasziniert mich schon lange – es verbindet Technik, Gestaltung, Nachhaltigkeit und Emotionen auf einzigartige Weise. Meine Aufgabe bei der SLG bietet die Chance, diese Vielfalt aktiv mitzugestalten und die Branche weiterzuentwickeln. Besonders spannend finde ich das breite Spektrum, das die SLG abdeckt – von technischen Normen bis hin zur kreativen Lichtgestaltung. Dieses Zusammenspiel von Fachlichkeit, Praxisnähe und Gestaltungsfreude macht die Ar beit unglaublich vielseitig. Und genau das motiviert mich: Menschen und Disziplinen zusammenzubringen, um gemeinsam gutes Licht in all seinen Facetten zu fördern.
Wo setzt du in deiner Rolle neue Akzente – was liegt dir besonders am Herzen?
Mir ist wichtig, dass die SLG als of fene, vernetzte und zukunftsorien tierte Plattform wahrgenommen wird. Ich möchte den Dialog innerhalb der Branche und auch darüber hinaus för dern. Gleichzeitig liegt mir der Nachwuchs besonders am Herzen: Wir müssen junge Menschen für das Thema Licht begeistern und ihnen Perspektiven bieten. Und nicht zuletzt will ich die Themen Nachhaltigkeit und Digitalisierung noch stärker verankern. Licht ist heute weit mehr als Beleuchtung – es trägt entscheidend dazu bei, unsere Umgebung lebenswerter zu gestalten: Es fördert Wohlbefinden, Gesundheit, Sicherheit und schafft eine Atmosphäre, in der Menschen sich gerne aufhalten.
Was hat dich in den ersten 100 Tagen begeistert?
Das Engagement der Menschen rund um die SLG beeindruckt mich sehr. Man spürt an allen Fronten, wie viel Herzblut in der Lichtbranche steckt – sei es bei unseren Kursleitenden, in den Fachgruppen oder bei unseren Partnern. Diese Offenheit, gemeinsam etwas zu bewegen, hat mich von Anfang an motiviert.
Und wann hast du gedacht: Wow, da haben wir aber noch ganz viel Arbeit vor uns?
Die SLG und ihr Vorstand haben vor rund zwei Jahren die zukünftigen Handlungsfelder definiert und sie an der Generalversammlung 2024 vorgestellt. Unsere Mission ist klar: Als führendes nationales Kompetenzzentrum für Licht und Beleuchtung bieten wir unabhängiges und fundiertes Licht wissen – wir sind Fachverband, bilden aus und vernetzen alle, die sich professionell mit Licht befassen. Wir wollen die Mitgliederzahl steigern und neue Zielgruppen in der Gestaltung ansprechen, unsere Weiterbildungsangebote weiter ausbauen. Zudem möchten wir die SLG als führende Lichtexpertin stärker positionieren. Diese Aufgaben sind anspruchsvoll – aber sie sind auch eine grosse Chance, unsere Vision zu verwirklichen: Wir vernetzen Menschen, Unternehmungen und Institutionen, damit hochwertiges und nachhaltiges Licht für alle Realität wird.
Wie gross ist dein Team in Olten?
Das SLGTeam besteht aktuell aus acht sehr engagierten Mitarbeitenden, die sich mit viel Fachwissen und Begeisterung für unsere gemeinsamen Ziele einsetzen. Wir arbeiten eng zusammen, um die verschiedenen Projekte und Initiativen der SLG erfolg reich voranzubringen. Die Mischung aus erfahrenen Fachleuten und jungen Talenten sorgt für eine motivierende Teamdynamik und innovative Lösungsansätze. Seit 2025 wird die Geschäftsleitung durch die neue Position eines stellvertretenden Geschäftsfüh rers in Lausanne ergänzt. Gregory Bartholdi hat sie inne, was eine moderne, zweisprachige und breit abgestützte Führung sicherstellt. Nicht zu vergessen sind auch unsere Fachgruppen-Mitglieder, unsere Dozierenden im SLG-College sowie unser Vorstand. Sie alle tragen mit ihrem grossen Engagement, ihrer Erfahrung und ihrem Netzwerk entscheidend zur Weiterentwicklung und zur Strahlkraft der SLG bei. Gemeinsam bilden wir ein starkes Team, das die Vielfalt der Lichtbranche widerspiegelt.
Wie finanziert ihr euch?
Unser Finanzierungsmodell stützt sich auf mehrere solide und komplemen-täre Säulen. Die Mitgliedschaft bildet die Basis: Ihre Beiträge sichern unsere laufenden Aktivitäten und unsere Funktion als Fachverband. Darüber hinaus ist die Aus- und Weiterbildung eine zentrale Säule. Sie umfasst Lehrgänge zu eidgenössischen Fachausweisen sowie spezialisierte Kurse. Veranstaltungen wie der SLG light day (energy light day) und Initiativen wie Lightbank, unterstützt von Energie-Schweiz, ergänzen dieses Angebot. So schaffen wir die Voraussetzun-gen dafür, die Lichtbranche nachhaltig weiterentwickeln und erstklassige Leistungen für Mitglieder und Fach-leute bereitstellen zu können.
Wer kann bei euch Mitglied werden?
Grundsätzlich alle juristischen Personen, die ein Interesse am Thema Licht und an der Weiterentwicklung unserer Branche haben. Wir heissen sowohl Leuchtenhersteller als auch Licht- und Elektroplaner:innen sowie Betreiber von grossen Beleuchtungsanlagen willkommen. Wichtig ist uns die Vielfalt der Perspektiven, denn gerade im Austausch entstehen neue Ideen und Impulse für die gesamte Lichtbranche.
Wo liegt der aktuelle Fokus bei den Projekten?
Bei Projekten, die Energieeffizienz und Lichtqualität verbinden. Mit der Initiative «energylight» fördern wir den Einsatz von LED-Technologien und intelligenten Steuerungen, um Energie zu sparen. Gleichzeitig setzen wir mit dem Prix Lumière ein Zeichen für innovative Lichtprojekte. Ein jährlicher Höhepunkt ist der SLG light day, an dem wir Fachwissen, Trends und Best Practices rund um Tages- und Kunstlicht, Lichtqualität und nachhaltige Beleuchtung zusammenbringen.
Zur Schweizerischen Licht Gesellschaft SLG
Der Verband SLG ist das unabhängige Kompetenzzentrum für Lichtthemen in der Schweiz.
Seit über 100 Jahren vernetzt er Fachleute aus Planung, Architektur, Technik, Lehre und Industrie mit dem Ziel, Licht ganzheitlich zu denken: effizient, ästhetisch, intelligent.
Die Kernaufgaben der SLG sind:
- Förderung von Qualität und Wirkung in der Lichtanwendung
- Interdisziplinärer Austausch über Normen, Technik, Gestaltung
- Weiterbildungen am das SLG College (z. B. Lichtplaner:in FA)
- Fachgruppen zu den Themen Innenraum- und Aussenbeleuchtung, Lichtsteuerung usw.
Die SLG ist gemeinnützig organisiert, politisch unabhängig und wird von einem breiten Netzwerk aus Institutionen und Unternehmen getragen.
Mehr zur SLG: www.slg.ch
Die SLG hat auch verschiedene Fachgruppen, welche?
Unsere Fachgruppen sind das Herzstück der SLG – sie bündeln das Expertenwissen und tragen wesentlich zur inhaltlichen Arbeit bei. Sie werden als Expertengremien wahrgenommen und sind in verschiedene Themenfel-der gegliedert, zum Beispiel Innen-raumbeleuchtung, Lichtemissionen, Messtechnik, Steuerungen, Not- und Tunnelbeleuchtung, öffentliche Beleuchtung und Lichtmasten sowie Leuchtentragwerke.
Ein Ziel ist es, die Arbeit dieser Fachgruppen nicht nur an Veranstaltungen und Publikationen sichtbar zu machen, sondern auch in Normengremien einfliessen zu lassen. Damit stärken wir die Rolle der SLG als Lichtexpertin.
Gibt es eine Fachgruppe, die noch fehlt?
Im Moment sind wir mit den bestehenden Fachgruppen sehr gut aufgestellt. Trotzdem könnten Themen wie Nachhaltigkeit und Tageslicht noch stärker in den Fokus rücken. Ob sich daraus neue Fachgruppen oder einfach vertiefte Schwerpunkte ergeben, wird sich zeigen. Wichtig ist, dass wir als SLG flexibel bleiben und Entwicklungen aufnehmen.
Die Branche hat sich von LED-Retrofit zu intelligenten Licht systemen entwickelt.
Wie siehst du den Stellenwert von Sensorik und Automation heute?
Sensorik und Automation haben heute einen sehr hohen Stellenwert, da sie zentrale Komponenten moderner Lichtsysteme sind. Durch den Einsatz intelligenter Sensoren können Einsparungen von über 90 Prozent erzielt werden, und Beleuchtungslösungen können noch gezielter auf Nutzerbe-dürfnisse und Umgebungsbedingungen reagieren, was sowohl den Komfort als auch die Energieeffizienz verbessert. Gleichzeitig ermöglichen automati-sierte Systeme eine flexible Anpassung an wechselnde Anforderungen, etwa im Zusammenspiel mit Tageslicht oder bei der Präsenzsteuerung.
Sensorik, Tageslichtlenkung, Automation sind allgemein bekannt, aber werden oft nicht umgesetzt. Wo hapert’s aus deiner Sicht: am Wissen, am Willen oder am System?
Ein bisschen an allem. Technologisch sind wir heute sehr weit, aber das Wissen über die richtige Anwendung fehlt oft – sowohl bei der Planung als auch im Betrieb. Dazu kommt, dass solche Systeme nur dann wirklich funktionieren, wenn alle Beteiligten – von der Planung über die Installation bis zur Nutzung – an einem Strang ziehen. Hier hapert es manchmal an der Koordination und am Verständnis für das Zusammenspiel von Technik, Architektur und Mensch. Ich glaube, wir müssen das Thema Lichtsteuerung stärker als integralen Bestandteil guter Lichtplanung begreifen – nicht als Zusatz, sondern als selbstverständlichen Teil eines nachhaltigen Gesamtsystems.
Die Elektrobranche steht im Zentrum des Lichts.
Nimmt sie aus deiner Sicht ihre Verantwortung wahr?
Die Elektrobranche spielt ohne Frage eine zentrale Rolle, denn sie bringt das Licht letztlich zum Leuchten. Viele Un-ternehmen und Fachleute nehmen diese Verantwortung sehr ernst – gerade, wenn es um Energieeffizienz, Nachhal-tigkeit und Qualität geht. Gleichzeitig sehe ich noch Potenzial: Licht wird oft noch zu technisch gedacht, während Themen wie Wirkung, Wahrnehmung oder Gestaltung eher zu kurz kommen. Hier möchten wir als SLG Brücken bauen – zwischen Technik, Design und Mensch. Nur wenn alle Disziplinen zu-sammenarbeiten, entsteht gutes Licht im ganzheitlichen Sinn.
Das BFE reduziert Fördergelder, dies ist für die SLG ein Einschnitt. Was bedeutet das für eure Projekte und deren Weiterentwicklung?
Wir sind seit vielen Jahren ein wichtiger Partner des BFE, insbesondere in Projekten rund um Energieeffizienz und nachhaltige Beleuchtung. Natürlich zwingen uns die Kürzungen, Prioritäten zu setzen. Gleichzeitig sehe ich darin auch eine Chance: Wir wollen unsere Aktivitäten breiter abstützen, neue Partnerschaften eingehen und die Eigeninitiative in der Branche stärken. Unser Ziel bleibt, das Thema Licht als wichtigen Bestandteil einer nachhaltigen und lebenswert gebauten Umwelt weiter voranzutreiben – unabhängig von der Höhe der Fördergelder.
Wie wichtig ist dir der Austausch mit anderen Verbänden?
Sehr wichtig. Viele Themen in der Lichtbranche überschneiden sich mit Bereichen wie Architektur, Elektrotechnik, Energie oder Nachhaltigkeit – da ist Zusammenarbeit entscheidend. Ich sehe die SLG als verbindendes Element zwischen diesen Welten. Durch den offenen Dialog entstehen Synergien, neue Ideen und gemeinsame Initiativen, die die Branche insgesamt stärken. Licht hört nicht an einer Disziplingrenze auf – im Gegenteil, es verbindet.
Wie fördert die SLG den Nachwuchs? Es gibt keine Grundbildung zum Thema Licht.
Das stimmt, eine eigentliche Grundbildung zum Thema Licht gibt es nicht. Mit dem SLG College schliessen wir aber diese Lücke. Wir bieten drei modular aufgebaute Lehrgänge an, die vom Grundlagenwissen bis zur Vertiefung spezifischer Themen in der Lichtplanung führen. Diese Lehrgänge bereiten auf die eidgenössische Berufsprüfung mit Fachausweis Lichtplaner:in für die Innenbeleuchtung und Lichtspezialist:in für die öffentliche Beleuchtung vor – und bieten gleichzeitig die Möglichkeit, den europäischen Titel European Lighting Expert (ELE) zu erlangen. Damit schaffen wir eine anerkannte, praxisnahe Qualifikation für Fachleute aus der Schweiz und ganz Europa. Ergänzend zu den Lehrgängen bieten wir eine Vielzahl an Tages- und Vorabendseminaren an, die aktuelle Themen, Normen und Technologien behandeln. So können sich Fachleute weiterbilden und ihr Wissen laufend auf dem neuesten Stand halten.
«Wir müssen junge Menschen für das Thema Licht begeistern und ihnen Perspektiven bieten.»
Das SLG College ist ein wichtiges Standbein von euch und der Lichtbranche der Schweiz. Wie erfolgreich seid ihr damit?
Wir sind sehr zufrieden mit der Entwicklung. Die Nachfrage ist da, und unsere Teilnehmerzahlen wachsen jährlich sowohl in der Deutsch- als auch in der Westschweiz. In Lausanne haben wir seit dem 1. März 2025 eine eigene Niederlassung und können dadurch die Qualität unserer Ausbildung weiter erhöhen.
Das SLG College ist ein sehr wichtiger Teil unserer Arbeit, und wir möchten unser Angebot weiter ausbauen, unter anderem zu gestalterischen Elementen sowie Sensorik und Automation.
Wenn du eine LED-Leuchte wärst, wo würde man dich finden?
Wahrscheinlich auf einem Sportplatz. Ich bin selbst sehr sportverbunden – spiele Tennis und verfolge Eishockey mit grosser Begeisterung. Eine Sportplatzleuchte passt also gut zu mir: leistungsstark, fokussiert und dafür da, anderen das Spielfeld zu erhellen. Genauso verstehe ich meine Rolle bei der SLG – Orientierung geben, Begeisterung schaffen und das Beste aus jedem Spielzug herausholen.
Zur Person
Claudio Hartmann (58) ist eidg. Dipl. Verkaufsleiter und Absolvent eines Managementlehrgangs an der Cornell University mit Schwerpunkten in Strategischer Geschäftsentwicklung und Change-Management. Er hat über 20 Jahre bei Osram/LEDVANCE in verschiedenen Funktionen gearbeitet, zuletzt als Territory Head DACH sowie zusätzlich als Geschäftsführer für die Schweiz, Österreich und Slowenien. Bevor er zur SLG stiess, war er Stv. Geschäftsführer und Bereichsleiter Vertrieb bei neuco.
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