Vier Unternehmen, fünf Thesen, eine Frage: Für wen lohnt sich das Nachhaltigkeitsrating?


Autor: Nicola Senn


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In der Schweizer Elektrobranche ist Nachhaltigkeit längst von der Kür zur Pflicht geworden. Doch wie lassen sich Nachhaltigkeitsleistungen entlang komplexer Lieferketten verlässlich messen, damit sie in Ausschreibungen, Kundenbeziehungen und Finanzierungsentscheidungen tatsächlich Gewicht haben? Das Nachhaltigkeitsrating EcoVadis setzt hier an: Es übersetzt Policies, Prozesse und Berichterstattung in vergleichbare Scores, die in vielen Branchen zum Beschaffungskriterium geworden sind. In der letzten eTrends-Ausgabe haben wir uns intensiv mit dem Weg zum EcoVadis-Rating auseinandergesetzt. Nun möchten wir wissen: Wie bewährt sich das System in der Praxis? Wir haben mit vier Unternehmen gesprochen, die EcoVadis seit Jahren kontinuierlich einsetzen, und sie mit fünf Thesen konfrontiert, die in Branchengesprächen immer wieder auftauchen.

5 Thesen auf dem Prüfstand

Wir haben fünf zentrale Thesen formuliert, die in Branchengesprächen diskutiert werden:

1 EcoVadis als Marketingsiegel:
EcoVadis wird eher als Marketingtool genutzt, als dass es eine nachhaltige Transformation fördert.

2 Von der Differenzierung zum Pflichtstandard:
Das EcoVadis-Rating verliert seinen Status als Differenzierungsmerkmal. Ohne Medaille kann man bei Ausschreibungen gar nicht mehr antreten.

3 Der Zertifizierungs-Dschungel:
Die Kombination verschiedener Ratings und Standards (EcoVadis, ISO, SBTi) droht die Kapazitäten der Nachhaltigkeitsabteilungen zu binden.

4 Der Aufwand lohnt sich (?):
Die investierten Ressourcen zahlen sich aus, allerdings nicht für jedes Unternehmen im gleichen Ausmass.

5 Die Branche profitiert voneinander:
Je mehr Unternehmen am Rating teilnehmen, desto besser für die gesamte Lieferkette.

Elektro- Material AG

Der Grosshändler Elektro-Material AG gehört zur französischen Rexel-Gruppe, die als übergeordneter Konzern die EcoVadis-Zertifizierung durchführt. Cosima Giannachi, Sustainability Officer bei EM, ist projektleitend für den EcoVadis-Prozess zuständig.

www.elektro-material.ch

1. EcoVadis als Marketingsiegel
CG:«Das Rating ist viel mehr als das. Es ist vor allem auch ein Tool, das zeigt, wo ein Unternehmen bereits gut aufgestellt ist und wo Potenzial vorhanden ist – wie eine Benotung oder ein Zeugnis. Diese Selbstreflexion unterstützt Unternehmen dabei, konkrete Massnahmen für eine nachhaltigere Zukunft zu definieren. Es kann darüber hinaus helfen, die bereits vorhandenen Nachhaltigkeitsthemen im Unternehmen zu verknüpfen und zu strukturieren.»

2. Von der Differenzierung zum Pflichtstandard
CG:«Man könnte definitiv sagen, dass EcoVadis ein Türöffner zu sehr vielen Ausschreibungen ist und damit auch ein Wettbewerbsvorteil sein kann. Wenn man ein EcoVadis-Rating besitzt, wird der Fragebogen der auftraggebenden Unternehmen häufig sehr klein. Neben dem Nutzen bei Ausschreibungen bringt es auch intern weitere Vorteile. So kann es den Zugang zu günstigerem Kapital, beispielsweise in Form von Sustainability-Linked Bonds, ermöglichen.»

3. Synergien durch weitere Zertifikate
CG:«Neben dem EcoVadis-Rating gibt es auch weitere Massnahmen, die auf die nachhaltige Transformation hinarbeiten. Die Rexel-Gruppe nutzt die Science Based Targets initiative (SBTi), welche quantitativ messbare Ziele zur CO2-Reduktion (Scope 1, 2 und 3) vorschreibt, die zweimal jährlich rapportiert werden müssen. Dies stellt sicher, dass wir nicht nur Richtlinien anlegen, sondern auch tatsächliche Fortschritte erzielen. Im Moment überlegen wir, ob wir auch noch die ISO 14001 machen. Sie hat einen verstärkten lokalen Bezug zur Schweiz.»

4. Der Aufwand lohnt sich (?)
CG:«Es ist ein grosser Aufwand für jeden, der das machen muss, und das ist uns bewusst. Wir haben den Benefit, dass wir eine grosse Gruppe sind und nicht allein daran arbeiten müssen. Wenn man aber sieht, was es für Vorteile bringt: Erhebung von entscheidenden Daten, klare Strukturierung der Daten, der Strategie und eine klare externe Beurteilung unserer Massnahmen im Bereich Nachhaltigkeit, dann habe ich das Gefühl, dass die positiven Aspekte überwiegen. Für Unternehmen, die weniger Ressourcen haben, gibt es die Möglichkeit, eine Light-Version von EcoVadis zu machen.»

5. Die Branche profitiert voneinander.
CG:«Neben der Nachhaltigkeitsscharta erwarten wir von unseren Lieferanten zunehmend auch eine EcoVadis- Bewertung. Die Scorecard macht Nachhaltigkeitsleistungen transparent und vergleichbar und zeigt, wie konsequent Massnahmen umgesetzt werden. Da die nachhaltige Beschaffung eine zentrale Säule ist, nutzen wir EcoVadis, um mehr Transparenz und eine kontinuierliche Verbesserung in der Lieferkette zu erreichen. Davon profitiert die gesamte Branche: durch einen gemeinsamen Standard, weniger Doppelaufwand und mehr Vertrauen bei den Kunden.»

Cosima Giannachi
Sustainability Officer

Zumtobel Group

Sustainability Managerin Hannah Moschen ist beim international tätigen Lichtkonzern bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung und den Nachhaltigkeitsratings des Unternehmens federführend.

z.lighting/de/group/nachhaltigkeit

1. EcoVadis als Marketingsiegel
HM: «EcoVadis kann als Marketinginstrument eingesetzt werden. Allerdings erhält man nur dann ein gutes Rating, wenn die Nachhaltigkeit in einem Unternehmen strategisch verankert ist und eine solide und nachvollziehbare Dokumentation sowie die entsprechenden Massnahmen und Strukturen etabliert sind. Bei der Bewertung sind formale Anforderungen und Nachweispflichten entscheidend. Werden Dokumentation und Nachweise durch EcoVadis etwa als unzureichend gekennzeichnet, kann das Rating auch als Transformationshebel zum Heben von Verbesserungspotenzialen genutzt werden. Bei der Kommunikation sollte die vermeintliche Vergleichbarkeit der Ratings mitbedacht werden. Platinum ist nicht gleich Platinum, Gold nicht gleich Gold - für Aussenstehende ist der Umfang der Bewertung oft nicht ersichtlich, denn Unternehmen können beispielsweise einzelne Standorte oder den gesamten Konzern evaluieren lassen. Bei einer Einreichung auf Konzernebene steigt die Komplexität durch einen erhöhten Dokumentationsaufwand auf nationalem und internationalem Level.»

2. Von der Differenzierung zum Pflichtstandard
HM: «In der Lichtbranche ist EcoVadis mittlerweile zu einem Must-Have geworden, in vielen Ausschreibungen gilt das Rating als eine Mindestvoraussetzung. Dementsprechend verfügen heute alle grossen Marktteilnehmer über eine EcoVadis-Zertifizierung. Früher gab es keine verpflichtende und damit vergleichbare Grundlage, um Nachhaltigkeitsleistungen zu bewerten, sodass Kunden auf ein objektives, leicht verständliches und branchenübergreifend einsetzbares Messinstrument wie EcoVadis zurückgriffen. Die Zumtobel Group hat sich daher bereits vor Jahren bewusst für ein EcoVadis-Rating entschieden und es als Kennzahl in eine wesentliche Finanzierungsvereinbarung integriert. Im Jahr 2023 wurde zudem ein ESG-Linked Loan abgeschlossen, dessen Finanzierungskosten an die Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie gekoppelt sind. Dabei fliessen sowohl ein kontinuierlich verbessertes EcoVadis-Rating als auch die Reduktion von CO2-Emissionen im Bereich Scope 3 in die Konditionen ein.»

3. Synergien durch weitere Zertifikate
HM: «Eine zentrale Herausforderung, die die Kapazitäten der Nachhaltigkeitsabteilungen zusätzlich zu den Transparenzanforderungen belastet, ist das Datenmanagement: Unternehmen müssen oft identische Informationen wiederholt für verschiedene Formate bereitstellen – per E-Mail, in Excel-Fragebögen, in Online-Formularen, über Lieferantenplattformen oder durch kundenseitige Systemabfragen. Daraus ergibt sich für die Zumtobel Group ein klarer Ansatz: Wenige, aber hochwertige Ratings sowie ein guter, aussagekräftiger und auditierter Nachhaltigkeitsbericht schaffen einen wertvolleren Mehrwert als eine Vielzahl parallel genutzter Tools. Die Fokussierung auf Qualität statt Quantität entlastet die Ressourcen der internen Fachabteilungen.»

4. Der Aufwand lohnt sich (?)
HM: «Die investierten Ressourcen variieren je nach Zielsetzung des Unternehmens. Möchte man ein gutes und stetig verbessertes Rating bei EcoVadis erzielen, ist mit einem zeitlichen und organisatorischen Aufwand zu rechnen – bei Zielerreichung können sich die investierten Ressourcen entsprechend lohnen.»

5. Die Branche profitiert voneinander.
HM: «Ein EcoVadis-Rating allein generiert nicht zwangsläufig einen unmittelbaren Mehrwert für die Branche. Ausschlaggebend ist vielmehr, ob die erhobenen Informationen geteilt und systematisch genutzt werden. Ratings können bei den Lieferanten der Zumtobel Group zur strategischen Geschäftsbeziehung beitragen, häufig genügt hierfür jedoch auch ein aussagekräftiger Nachhaltigkeitsbericht gemäss der CSRD oder GRI.»

Hannah Moschen
Sustainability Managerin

Das globale Sustainability-Rating

EcoVadis hat sich in den letzten Jahren als weltweit führende Plattform für Nachhaltigkeitsbewertungen etabliert. Über 150 000 Unternehmen in mehr als 185 Ländern nutzen das Rating inzwischen. Das System bewertet Unternehmen anhand von 21 Kriterien in vier Bereichen: Umwelt, Arbeits- und Menschenrechte, Ethik sowie nachhaltige Beschaffung. Das Ergebnis: eine Punktzahl zwischen 0 und 100, übersetzt in Bronze, Silber, Gold oder Platin. Grosse Bauherren, öffentliche Auftraggeber und internationale Konzerne fordern zunehmend Nachhaltigkeitsnachweise von ihren Lieferanten. Wer keine vorweisen kann, riskiert womöglich einen Nachteil. Doch ist EcoVadis wirklich ein Türöffner und steckt noch mehr dahinter?

Esylux GmbH

Die Esylux GmbH & Co. KG entwickelt, produziert und vertreibt intelligente Automations- und Lichtlösungen. Jan Göger, Leiter Nachhaltigkeitsmanagement, ist projektleitend für die Implementierung von EcoVadis verantwortlich.

www.esylux.ch

1. EcoVadis als Marketingsiegel
JG: «Ich sehe das zweigeteilt. Zwar gab ursprünglich der Wunsch eines Grosskunden einen Anstoss für das Rating. Doch in der Umsetzung erweist sich EcoVadis als echtes, internes Handbuch für die Transformation zur Klimaneutralität. Es brachte uns dazu, Themen wie Arbeits- und Menschenrechte oder die Lieferkette – die zwar gelebt, aber nie wirklich dokumentiert wurden – fundamental zu strukturieren und in den Richtlinien zu verankern. Ein entscheidender Faktor für die Umsetzung war der Rückhalt seitens der Geschäftsleitung. Insgesamt hat die Umsetzung dazu beigetragen, das Nachhaltigkeitsbewusstsein im gesamten Unternehmen und bei allen Mitarbeitenden merklich zu schärfen.»

2. Von der Differenzierung zum Pflichtstandard
JG: «Früher war es die ISO 9001, dann die ISO 14001, heute ist Nachhaltigkeit der nächste logische Schritt. Grosshändler fordern das Rating zunehmend aktiv ein. Während die ISO-Zertifikate inzwischen als selbstverständlich angesehen werden, kann das EcoVadis- Ranking aktuell noch ein Wettbewerbsvorteil sein.»

3. Synergien durch weitere Zertifikate
JG: «Wir sehen hier eher den Synergie-Effekt. Daten, die wir für ISO 14001, Integrity Next oder UN-Global Compact zusammengestellt haben, lassen sich für EcoVadis nutzen und auch umgekehrt. Dennoch ist der Aufwand für EcoVadis mit Abstand am höchsten, da alle Antworten im Fragebogen zwingend mit einem Dokument belegt werden müssen. Der Schlüssel liegt darin, Daten nicht immer neu zu erfinden, sondern sie an verschiedenen Stellen strategisch zu nutzen. Wir haben im Nachgang festgestellt, dass wir bereits viele Sachen machen, wir haben es nur nicht dokumentiert.»

4. Der Aufwand lohnt sich (?)
JG: «Der Ressourcenaufwand für das erste Jahr war eine echte Herausforderung. Im zweiten Jahr arbeiteten wir deshalb mit einer Agentur zusammen, was ich nur empfehlen kann. Das dritte Jahr haben wir jetzt, aus eigenem Antrieb und um uns erneut zu verbessern, wieder eigenständig umgesetzt. Wir konnten uns so noch einmal von 73 auf 80 Punkte (Gold) steigern. Der Aufwand ist inzwischen erheblich kleiner, da nur einzelne Dokumente aktualisiert werden müssen. EcoVadis zeigt mir genau, welche Antwort wie bewertet wurde und welche Dokumente akzeptiert wurden oder nicht. Obwohl der Aufwand zu Beginn so hoch war, sind wir überzeugt, dass es sich lohnt. Besonders für Unternehmen, die noch keine feste Nachhaltigkeitsbasis haben, schafft der Prozess eine strukturierte Grundlage für Nachhaltigkeit quer durch alle Abteilungen.»

5. Die Branche profitiert voneinander.
JG: «Je mehr Lieferanten teilnehmen, desto mehr Belege hätten wir. Die Zertifizierung macht Unternehmen robuster gegenüber gesetzlichen Neuerungen wie dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (DE). Wenn alle Teilnehmenden der Lieferkette die gleiche Nachhaltigkeitssprache sprechen, wird die gesamte Branche transparenter, wettbewerbsfähiger und ist robuster aufgestellt.»

Jan Göger
Leiter Nachhaltigkeitsmanagement

Hager Group

Die Hager Group ist ein internationaler Anbieter von Installationstechnik und Energiemanagementlösungen. Ihre Stellungnahmen zu den fünf Thesen hat die Hager Group schriftlich eingereicht.

www.hager.ch

1. EcoVadis als Marketingsiegel
Das EcoVadis-Rating ist für die Hager Group mehr als eine Auszeichnung. Es bestätigt, dass sich die Nachhaltigkeitsarbeit auszahlt. Dazu gehören für Hager konkrete Massnahmen, messbare Verbesserungen und das Engagement der Teams im gesamten Konzern. Eine Verbesserung der Punktzahl sei auf kontinuierliche, praxisnahe Arbeit in vielen Bereichen zurückzuführen. Durch kleine und konsequente Schritte könne ein echter Mehrwert für Kunden, Partner und die Gesellschaft geschaffen werden.

2. Von der Differenzierung zum Pflichtstandard
Ein starkes EcoVadis-Ergebnis wird laut Hager zunehmend zur Voraussetzung für eine Zusammenarbeit. In vielen Märkten öffne das Platin-Rating die Türen zu Ausschreibungen und Partnerschaften, die sonst unerreichbar wären. Es stärke die Wettbewerbsfähigkeit und unterstütze die langfristige Strategie. Nachhaltigkeit sei nicht mehr nur ein «Nice-to-have», sondern ein handfester Geschäftsfaktor.

3. Synergien durch weitere Zertifikate
Durch das Zusammenbringen existierender Daten konnten bei der Hager Group Synergien genutzt werden. Samir Rouini, Corporate Social Responsibility Manager, erklärt es wie folgt: «Wir haben neue Governance- Systeme aufgebaut, um Nachhaltigkeitsdaten bereichsübergreifend zu sammeln und zu nutzen. Die Verknüpfung von EcoVadis-Kriterien mit unserer Nachhaltigkeitsberichterstattung hat gezeigt: Unsere Anstrengungen sind nicht nur Worte – sie sind messbar und überprüfbar.»

4. Der Aufwand lohnt sich (?)
EcoVadis passt seine Anforderungen jährlich an. Bereichsübergreifend konsistente, hochwertige Daten zu sammeln, sei dementsprechend anspruchsvoll. Für Hager ist dieser Prozess allerdings entscheidend, um eine klare Basis zu schaffen und Fortschritte nachzuweisen. Um auch 2026 die Platin-Auszeichnung zu erhalten, müsse mindestens dieselbe Energie, Aufmerksamkeit und gemeinsame Verantwortung aufgebracht werden.

5. Die Branche profitiert voneinander.
Die Hager Group hat ihr Programm zur nachhaltigen Beschaffung weiterentwickelt und ökologische sowie soziale Kriterien in die Lieferantenauswahl integriert. CEO Sabine Busse: «Wir sind stolz darauf, eine Vorreiterrolle bei der Gestaltung sicherer, intelligenter und nachhaltiger Gebäude einzunehmen – heute und in der Zukunft. Das erneute EcoVadis Platin-Rating zeigt, dass unsere Fortschritte faktisch belegt sind und den Erwartungen unserer Kunden und Partner entsprechen.»

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