Rund 350 Fachleute versammelten sich Ende Januar im sehr gut gefüllten Berner Kursaal zum mittlerweile fünften EIT.swiss Branchentag. Das Motto «Energie trifft Strategie» war Programm: Von der Wirtschaftspolitik über Smart Home, Licht und Photovoltaik bis zur künstlichen Intelligenz reichte das Spektrum der Referate.
Text und Fotos: René Senn
EIT.swiss hat sie sehr gut gewählt, denn sich richteten den Blick stets auch auf die praktischen Konsequenzen des jeweiligen Themas für die Branche.
Rund 350 Fachleute versammelten sich Ende Januar im sehr gut gefüllten Berner Kursaal zum mittlerweile fünften EIT.swiss Branchentag. Das Motto «Energie trifft Strategie» war Programm: Von der Wirtschaftspolitik über Smart Home, Licht und Photovoltaik bis zur künstlichen Intelligenz reichte das Spektrum der Referate.
Text und Fotos: René Senn
EIT.swiss hat sie sehr gut gewählt, denn sich richteten den Blick stets auch auf die praktischen Konsequenzen des jeweiligen Themas für die Branche.
Die Branche im Umbruch
Cello Duff von Feller/Schneider Electric zeigte sehr eindrücklich: Wohngebäude sind nicht länger reine Energieverbraucher, sondern entwickeln sich zu aktiven Elementen des Energiesystems. Sie sind vernetzt, steuerbar und interaktiv, sie werden zu Pro-Sumern. Smart Home, Energiemanagement, Elektromobilität und dezentrale Energieerzeugung sind keine Zukunftsvisionen mehr, sondern konkrete Bausteine einer Transformation, die bereits läuft.
Spannender Rückblick
Mit Blick auf die GDI-Studie «Smart Home 2030» von 2015 fällt die Bilanz der Transformation für Cello Duff nach zehn Jahren differenziert aus: Die Richtung stimmt, doch ein vollständig autonomes Zuhause ist leider immer noch Zukunftsmusik. Heterogene Hardware und proprietäre Systeme bremsen gemäss Cello Duff die Integration.
Immerhin: Die Marktdurchdringung von Automatisierungslösungen hat sich deutlich beschleunigt, wie aktuelle Zahlen zeigen. Bis 2035 rechnet Duff mit einer Marktdurchdringung von 60 bis 80 Prozent.
Vom Stromverteiler zum Systemverantwortlichen
Besonders eindringlich beschrieb Cello Duff den Wandel des Berufsbilds. Die klassische Rolle aus Installation und Inbetriebnahme reiche nicht mehr. Gefragt seien Systemverantwortliche, die Energie, Automatisierung, Kommunikation und IT-Security verstehen und beherrschen. Der Installateur werde zum Energiemanager, der Inbetriebnehmer zum Betriebsbegleiter mit Fernwartung und vorausschauendem Support. Duffs Appell an die Zuhörer:innen im Saal: «Die Elektrikerinnen und Elektriker sind die Gamechanger der Energiewende. Aus dem Installateur wird der digitale, vernetzte Energiespezialist.»
Dienstleistung wird wichtiger
Roberto Weichelt von Elektromaterial AG legte in seinem Referat den Schwerpunkt auf die Dienstleistungen. EM begleitet Installateure nicht nur mit Schulungen, sondern auch in der Projektumsetzung. EM nennt dies Beratungskompetenz und bietet sie insbesondere in den Bereichen Licht, Fotovoltaik und eMobility an. Weichelt machte den Anwesenden auch Mut: «Installateure, welche die neuen Technologien verstehen, werden gewinnen.»
Beratung und Wissen nicht verschenken
Die steigende Projektkomplexität bedeutet gemäss Weichelt einen höheren Beratungswert. «Habt Mut, ihn zu verrechnen.» Weichelt denkt dabei insbesondere an die Entwicklung der eigenen Dienstleistung in einem traditionellen Installationsbetrieb und damit an die Schaffung neuer Geschäftsfelder von der Planung bis zum Service. Dass dies nicht nur Worte sind, belegte er mit Praxisbeispielen.
Was es dabei aus redaktioneller Sicht zu berücksichtigen gilt: Wer seine Beratung extern bezieht, läuft Gefahr, dass das Fachwissen im eigenen Unternehmen nicht weiterentwickelt wird und dadurch eine Abhängigkeit nach aussen entstehen kann.
PV, ein wichtiges Geschäftsfeld
Seit 2010 hat Christoph Meier, Geschäftsführer in zweiter Generation der Meier Elektro AG aus Chur, mit seinem Betrieb rund 100 PV-Anlagen mit mittlerweile insgesamt 2,5 MWp realisiert: «Wir machen alles selber ohne Subunternehmer.» Eine seiner Botschaften an die Mittbewerber im Saal lautete: «Erfindet nicht alles nochmals selbst, sondern nutzt das, was es schon gibt.» Gemeint hat er damit beispielsweise Formulare für die Abnahme von PV-Anlagen oder Checklisten. Sein Credo: Qualität vor Stückzahlen.
Energie erfordert Qualität
Besonders kritisch sei die Schnittstelle zwischen Wechselrichter und Gebäudeinstallation, so Christoph Meier. «Eine PV-Anlage läuft 25 bis 30 Jahre. Wer hier unsauber arbeitet, legt die Basis
für Probleme.» Er legte den Anwesenden auch ans Herz, dass eine DC-Installation nicht einfach ein Stück Kabel mit einem speziellen Stecker sei. «Bis zu 40 Ampère können über einen MC4 Stecker fliessen. Wer hier ungeachtet der Sicherheitsanforderungen etwas aussteckt, riskiert, einen grossen Fehler zu machen.
» Er sieht die Zukunft ähnlich wie Cello Duff und meint aus seiner Sicht als Installateur: «PV wird Teil eines umfassenden Energiemanagements. Speicher, Wärmepumpe, E-Mobilität müssen heute zusammenspielen. Wir sind froh, haben wir uns bereits frühzeitig mit dieser Thematik auseinandergesetzt.»
Energiesparhebel Licht
Mit der Lichtvereinbarung von Davos 2018 hat sich die Branche ein ambitioniertes Ziel gesetzt: 50 Prozent Einsparung bis 2030. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Im Fall der Beleuchtung liegt der Schatten dort, wo man ihn nicht vermutet: nicht in der Herstellung, nicht im Transport, sondern in der Nutzungsphase. Hier entsteht der grösste CO2-Fussabdruck. Markus Telser von der Zumtobel Group machte dies am Branchentag mit seiner einprägsamen Grafik deutlich. Er appellierte an die Installateure und Planerinnen im Saal: «Mit einem reinen LED-Ersatz kommt man nicht ans Ziel. Erst mit Nutzeneffizienz erreichen wir mehr.»
Effizientes Licht nur mit Steuerung
Und damit sind wir wieder bei der Steuerung und der Vernetzung. Sie werden auch in Sachen Licht zum Gamechanger, wie Cello Duff es sagen würde. Und der wichtige Zusatz von Markus Telser: «Effizienz ist Teil eines Systems. Dazu gehören auch Planungseffizienz, saubere Installation, eine intuitive Bedienung sowie Wartungsfreundlichkeit und Lebenszyklusdenken.»
Sein Schlusssatz: «Die grössten Einsparungen entstehen im Betrieb, nicht im Katalog.»
Werkzeug, nicht Wunderwaffe
Ein Thema, das aktuell an keiner Tagung fehlen darf, ist die Digitalisierung, im Speziellen das Thema KI. Der KI-Experte Gian Marco Bianchi ordnete die Vorteile von KI durchaus pragmatisch und kritisch ein: «KI ist der schnellste Lehrling der Welt, aber ohne gesunden Menschenverstand.»
34 Prozent des Mittelstands nutzen gemäss seinen Recherchen KI bereits, 57 Prozent davon berichten von Effizienzgewinnen. Bianchi mahnte aber auch zur Vorsicht, auch vor der Euphorie. Sein Rat: «Nicht das perfekte Modell zählt, sondern das Ausprobieren.» Und wiederholte mehrmals: «Wir sind die Chefs und die Experten, wir kontrollieren den Output.»
Sein eindrückliches Beispiel aus der Praxis zeigte, wie mit Hilfe von KI in einem Installationsunternehmen der Soll-Ist-Wert eines Auftrags anhand einer Offerte und den laufend eingehenden Regie-Rapporten visualisiert werden konnte. Eindrücklich oder erschreckend? Dies liess sich dem Raunen der Zuhörer:innen nicht entnehmen.
Fachkräftemangel bleibt Sorgenkind
Die Vorträge boten viel Stoff für die abschliessende Podiumsdiskussion am Morgen. Auf die Frage, ob die Branche mehr staatliche Unterstützung benötige, fasste Philippe Baur von Lanz Oensingen die Schweizer Haltung aus Sicht eines KMU zusammen: «Die Rahmenbedingungen macht die Politik. Wie wir die Technologie einsetzen, bestimmen wir als Branche selbst.» Und mit Blick auf die Wirtschaft gab Dr. Eric Scheidegger vom SECO eine zuversichtliche Antwort: «Ich bin absolut überzeugt, dass es dieser Branche in den nächsten 20 Jahren gut gehen wird.»
In seinem Abschlussvotum in der Diskussionsrunde machte Scheidegger noch ein interessantes Eingeständnis: «Mir war bis heute gar nicht bewusst, wie wichtig die Elektrobranche für die Erreichung der CO2-Ziele der Schweiz ist.» Daraus ergibt sich natürlich unweigerlich die Frage: Verkauft sich die Branche nach wie vor zu schlecht, auch bei der Politik?
Traditionell traditionell
Dass die Branche trotz ihres ständigen Wandels nach wie vor Mühe hat, sich auf neue Technologien und Services einzulassen, widerspiegelte sich auch in den spannenden Saalumfragen. So bewertete das Publikum im Live-Voting die eigene Technologiebereitschaft nur mit 3,1 von 5 Punkten. Das zeigt, es ist ehrlich, aber da ist auch noch mächtig Luft nach oben.
Und auf die Frage, wo der Schuh am meisten drückt in Bezug auf den Fachkräftemangel, lieferte die Saalumfrage das folgende Resultat: Am meisten fehlen EFZ-Berufsleute (117 Nennungen), gefolgt von Spezialist:innen (72) und Teamleitenden (61).
Jetzt geht’s ums Machen
Nichts ist so stetig wie der Wandel oder eben: «Energie trifft Strategie». Die Botschaft des fünften EIT.swiss Branchentags war klar: Die Technologien sind da, die Rahmenbedingungen gesetzt. Was jetzt zählt, ist die Umsetzung, das heisst Weiterbildungen, Partnerschaften und neue Dienstleistungen.
Der nächste Branchentag findet am 4. Februar 2027 statt, wieder im Kursaal Bern. Wer weiterkommen will, findet hier nicht nur gute Inputs, sondern auch viele Branchenkollegen, die offen sind, die Zukunft der Branche zu diskutieren.
Dass Weiterbildung in der Branche Tradition hat, zeigte auch die anschliessende HBB-Feier, an der zahlreiche Absolventinnen und Absolventen geehrt wurden.
Reichlich Ideen geliefert
Ein Kommentar von René Senn, Chefredaktor eTrends Magazin
Das Motto «Energie trifft Strategie» war gut gewählt, bei genauerem Hinsehen noch besser als gedacht. «Energie» ist das Buzzword der Stunde. «Trifft» lässt sich auch als «mit voller Wucht» lesen. Und «Strategie»?
Ideen für Strategien lieferte der Branchentag reichlich. Die Frage bleibt: Ist die Branche aufgrund voller Auftragsbücher noch gar nicht dazu gekommen, eine gemeinsame Strategie zu entwickeln? Tradition wird manchmal höher gewichtet als Transformation.
Wenn selbst Dr. Eric Scheidegger vom SECO am Ende des Tages zugibt: «Mir war gar nicht bewusst, wie wichtig die Elektrobranche für die Erreichung der CO2-Ziele ist» – dann hat die Branche ein Kommunikationsproblem. Nicht bei den Kunden, sondern dort, wo die Rahmenbedingungen gemacht werden. In der Politik. Angesichts des sich digitalisierenden Umfelds könnte sich hier eine gefährliche Schere auftun. Wir brauchen Fachleute, die beides können: Handwerk und Digitalisierung. Dafür gibts den neuen Beruf Gebäudeinformatiker:in EFZ. Er ergänzt die traditionsreichen Elektroberufe ideal.
In diesem Zusammenhang danke ich Cello Duff für seine Worte: «Die Elektrikerinnen und Elektriker werden zu den Gamechangern der Energiewende, als vernetzte Energiespezialisten.»
Höchste Zeit, dass sich die Branche geschlossen hinter diese neue Grundbildung stellt. Fachkräfte entstehen nicht durch das Verhindern von Nachwuchs, und digitale Gebäude entstehen nur durch Vernetzer. Das Thema Weiterbildung betrifft deshalb alle, nicht nur die Jungen. Mit der richtigen Strategie und Energie wird die Elektrobranche zur coolsten im Bauwesen. Dass sie das Potenzial dazu hat, bestreitet zum Glück niemand.
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